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Affektlogik

Fortsetzung zu „Krisen gehören zum Leben.“

In der Psychosomatik sprechen wir von der gleichzeitig von Symptombildung im körperlichen, seelischen und geistigen Bereich. Luciano Ciompi hat in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine  Affektlogik konzipiert, die damals schon Ergebnisse der modernen Hirnforschung mit integrieren konnte und ihre Gültigkeit bis heute behalten hat.

Er verweist auf die Untrennbarkeit von Fühlen und Denken hin, welche in sämtlichen Leistungen regelhaft zusammenwirken. Das bedeutet, dass unser Urteilsvermögen, unser Entscheiden und Bewerten von Zusammenhängen unmittelbar mit unseren Affekten in Verbindung stehen. Diese färben jeden Inhalt von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken und Entscheiden individuell! „Tu langsam, es eilt!“ weist darauf hin, dass wir uns vor wichtigen Entscheidungen Ruhe antun sollten, um mit Bedacht nachhaltige und langfristige Entscheidungen treffen zu können.

Dass Gefühle Energien sind, wird jedem leicht erkennbar, der schon einmal um einen nahen Angehörigen getrauert hat. Mitreißende Freude ist ein anderes Beispiel, hier werden Energien freigesetzt. Über die individuelle Schwelle steigende emotionale Spannungen bewirken, wie oben schon in Verbindung mit der Angstschwelle beschrieben, plötzliche Veränderungen des Fühlen und Denkens. Es kann zu unangemessenen Wutausbrüchen, zu Affektdurchbrüchen und plötzlichem Weinen, es kann zu einem Nervenzusammenbruch kommen: der Mensch bricht körperlich zusammen, geht buchstäblich in die Knie, stürzt seelisch und geistig in innere Aufruhr und Chaos.

Dieser Zusammenbruch erzwingt eine „Erholungspause“, eine „Auszeit“, damit es dem Menschen möglich wird, sich wieder zu reorganisieren. Jetzt ist es eminent wichtig zu erfassen,

  • was insgesamt zu einem allzu hohen Stresslevel geführt hat und
  • was der aktuelle Auslöser für das Überschreiten der Anspannungs- bzw. der Angstschwelle und den Zusammenbruch ist
  • und wie dieser in einem größeren individuellen Zusammenhang steht

Nur so kann es gelingen, nicht nur partiell situationsbedingt gegen zu regulieren, sondern langfristig und nachhaltig daran zu arbeiten, die eigene Stressresistenz zu erhöhen und den Stresslevel auf einem niedrigeren Niveau zu halten. Dies ist auch anzustreben wegen der Wechselwirkungen zwischen Fühlen und Denken auf allen Ebenen. Auch schon unterhalb der Angstschwelle werden Beeinträchtigungen erkennbar, die zum Beispiel zu Fehlbeurteilungen von Situationen beitragen können. Wenn z.B. ein Kind „Herzeleid“ spürt, ist es nicht unbedingt faul, wenn es einmal nicht die Hausaufgaben oder andere Aufgaben prompt erfüllt. Dies empathisch zu erfassen setzt jedoch voraus, als Eltern selbst seelisch im Lot zu sein und ruhig und gelassen  nachzufragen, was los ist.

In der modernen Hirnforschung ordnen wir das Großhirn als Denkzentrale und das Mittelhirn als Emotionszentrale ein. Dabei wirkt das Mittelhirn stärker auf das Großhirn ein als umgekehrt!

In seinem Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ beschreibt Eric Kandel sehr eindrucksvoll, wie die optische Wahrnehmung auf der Netzhaut auf seinem Weg durch mindestens 17 verschiedene Schaltzentralen des Gehirns geleitet wird, ehe es im Großhirn zu einem Bild zusammengesetzt wird. Dabei liegen einzelne Schaltzentralen im Emotionszentrum und werden damit eo ipso  „gefärbt“ von der gegenwertigen emotionalen Befindlichkeit, welche während der optischen Wahrnehmung gegeben ist. Dies gilt für alle weiteren Wahrnehmungen auch.

Jeder Mensch kennt Gerüche, die er mit sehr positiven oder auch negativen Erlebnissen verbindet. Neugeborene, welche in den ersten Lebenstagen noch nicht sehen können, erkennen die Brust ihrer Mutter am Geruch. Parfüm riecht  verführerisch, Körpergeruch kann z.B. jedoch bei Opfern von Gewalt und Missbrauch Ekel auslösen. Was wir hören, gleichen wir ab mit unseren Erinnerungen. Als z.B. in den 50er und 60er Jahren regelmäßig die Sirenen während der Probealarme aufheulten, wurde bei vielen Menschen die Erinnerung an Fliegeralarm etc. wach. Verliebte verbinden das Hören eines bestimmten Songs mit schönen Erlebnissen. Berührungen können uns sehr angenehm sein oder, die derzeitige Diskussion um Grapscher und andere sexuelle Belästigungen zeigt, sehr bedrängen. Unser Ich fungiert dabei als Wächter des vitalen Gleichgewichts, das uns erkennbar macht, dass

  • es nur ein Probealarm ist und kein Fliegeralarm
  • ein Körpergeruch dieses Mal nicht vom Täter stammt
  • das, was wir sehen, uns möglicherweise ängstlich erregt, jedoch uns nicht direkt bedroht, zum Beispiel wenn wir einen Gruselfilm sehen
  • die Hand, die uns streichelt, von einem geliebten Menschen stammt und nicht von einem sexuell Übergriffigen
  • das Essen gut schmeckt, auch wenn es aussieht wie eine verdorbene Speise, die uns einmal große Bauchbeschwerden bereitet hatte

Wichtig zu wissen ist für uns dabei, dass die Emotionen einen stärkeren Einfluss auf das Denken ausüben als das Denken auf die Emotionen, die Joachim Bauer in seinem Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ verdeutlicht.

Das bisher Gesagte lässt sich darunter zusammenfassen, dass Stress sich individuell aufbaut und sich deswegen auch nur individuell abbauen lässt. Wir können intrinsische  Faktoren beim Stressaufbau erkennen, wie z.B.

  • überhöhte Selbstansprüche
  • Trauer und Notwendigkeit zur Krankheitsverarbeitung
  • unbegründete Angst vor Repressalien oder Konflikten
  • depressiver Antriebsmangel und Motivationsverlust mit dadurch bedingter Konfliktvermeidung
  • Permanente Partnerschafts- bzw. Familienkonflikte und
  • wiederholte soziale Entwurzlungen.

Als extrinsische Faktoren lassen sich z.B. ebenfalls beschreiben:

  • Eine zu hohe Wochenarbeitsleistung von mehr als 42 Stunden
  • Konflikte mit Vorgesetzten und Mitarbeitern, wie wir dies zum Beispiel beim Mobbing erkennen können
  • Sehr hoher Stress, wie in der Life-Event-Skala deutlich gemacht, infolge Arbeitslosigkeit oder Verlust der Existenzabsicherung durch zum Beispiel drohende Insolvenz, überhöhte Verschuldung etc.
  • Berufliche Überforderung sowie Situationen, die eine kognitive Dissonanz auslösen – Unterforderung; mangelnde Möglichkeit zur Selbstaktualisierung bzw. Übereinstimmung mit Arbeitsanforderungen; unbillige Forderung nach unbezahlten Überstunden etc.
  • Versorgung bzw. Versorgungsbedürftigkeit naher Angehöriger stellt eine riesige Herausforderung dar, der gerecht zu werden oftmals einen Spagat abverlangt, der den Einzelnen zu zerreißen droht. gehören ebenfalls zu den extrinsischen Faktoren, die Stress in uns aufbauen können

Wir haben in eigenen Studien berufsspezifische Ursachen herausarbeiten können. In einer ersten Studie von Anfang 2016, an der 1242 Ärzte und Ärztinnen teilnahmen, fanden wir

  • schlechte Bedürfnisregulation mit Vernachlässigung emotionaler Beziehungsbedürfnisse. – Hierzu führe ich weiter unten noch aus. –
  • eine schlechte Work-Life-Balance mit einem gesundheitsschädlichen Arbeitsziel und überlangen Wochenarbeitszeiten.
  • Ein Übermaß an Überbürokratisierung und Verrechtlichung. Die Zeit, die Ärzte viel lieber entsprechend ihrer Ausbildung in der Diagnostik und Behandlung von Patienten investieren würden, wird absorbiert. Sie erleben, dass sie den in der Begegnung mit dem Menschen wahrgenommen Bedürfnissen nicht gerecht werden können.

In der Feuerwehrstudie von Anfang 2017, an der 1057 Feuerwehrleute teilnahmen, fühlten sich 47% erhöht stressbelastet. Es fand sich, dass 29% selbst traumatisiert waren. Gleich viele erlebten sich emotional belastet und gaben an, dieser Belastung kaum noch gerecht werden zu können. Über die Hälfte, 53% waren mind. einmal von verbalen oder nonverbalen Angriffen geworden, 18% davon in einem hohen bis sehr hohen Ausmaß. Die Behinderung bei Feuerwehrleuten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit, nicht rechtzeitig zum Unfallort kommen zu können, weil keine Rettungsgasse gebildet wurde auf der Autobahn, Schaulustige den Weg versperren etc. sind für Feuerwehrleute, welche unter höchster innerer Anspannung in Erwartung dessen, was sie erwartet und worauf sie so schnell wie möglich richtig reagieren müssen, eine mehr als ärgerliche Behinderung. Wenn sie dann noch angegriffen werden bei der Ausübung ihrer Tätigkeit ist die Belastung extrem.

In den letzten Jahren wurden vermehrt neue Feuerwehrleute eingestellt aufgrund neuer Anhaltszahlen und Vorgaben von politischer und behördlicher Seite. Dadurch mussten sich neue Teams bilden, die erst noch zu einem gemeinsamen Teamgeist finden mussten. „Fehlt die Möglichkeit zur Kommunikation, ist dies eine relevante Stressursache.“

Bedürfnisbalance, Stärkung von Autoregulation und Resilienz

 

Teilnehmer mit keinem bzw. niedrigem Stresserleben unterscheiden sich deutlich in der Bedürfnisbefriedigung von Teilnehmern mit hohem Stresserleben. Dabei haben wir die vier psychologischen Grundbedürfnisse nach Grawe :

  • Kontrolle/Orientierung,
  • Lustgewinn/Vermeidung von Unlust,
  • Selbstwertstabilisierung und -erhöhung sowie
  • Zugehörigkeit/Bindung

gleich 100% gesetzt. Die Teilnehmer an der Studie haben gewichtet, wie viel Prozent ihrer inneren Aufmerksamkeit sie für die Befriedigung der jeweiligen Bedürfnisse aufwenden. Bei niedrigem Stresserleben können wir von einer fast ausgeglichenen Balance der Bedürfnisbefriedigung ausgehen. Bei hohem Stresserleben zeigt sich eine deutliche Überbetonung der Befriedigung des Bedürfnisses nach Kontrolle und Orientierung, insbesondere zu Lasten der Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Bindung sowie nach Lustgewinn und Vermeidung von Unlust. Menschen mit hohem Stresserleben und damit kognitiven Leistungseinbußen (siehe oben) sowie reduzierter affektiver Belastbarkeit versuchen oft, durch erhöhten Zeitaufwand gegen zu regulieren. Und dies zu dem Preis, weniger Lust zu verspüren und weniger darauf Acht zu geben, Unlust zu vermeiden. Wer arbeitet schon gerne bis Mitternacht mit dem Ergebnis, hinterher nicht in den Schlaf zu finden? Oder wer verzichtet gerne auf einen netten Abend mit Freund oder Freundin, Mann oder Frau, um noch Rechnungen zu schreiben oder Klassenarbeiten zu korrigieren? Oder wer arbeitet schon gerne im Urlaub, welcher mehr der Erholung und des Befriedigens von Lust- und Beziehungsbedürfnissen dienen sollte.

Dieses Manuskript besteht aus vier Teilen und die Fortsetzung dazu lautet: Stärkung der Selbstachtsamkeit, Selbstfürsorge und Resilienz