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Angst und chronischer Schmerz

Autor: Dr. Wolfgang Hagemann

„Der Mensch ist des Menschen beste Medizin“
(Paracelsus)

 

Schon in den Sechziger Jahren veröffentlichten Holmes und Rahe ihre Life-Event-Scala. Spannungssteigernde Stress auslösende Lebensereignisse in einer größeren Häufung steigern die Gefahr, zur Entwicklung einer psychosomatischen Erkrankung beizutragen bzw. ursächlich dafür zu sein. Auch wenn Schmerz meist körperliche Ursachen hat muss er seelisch verarbeitet werden. Übersteigt die individuelle Stressverarbeitungskapazität jedoch ein Limit, unterhält und verstärkt seelische Anspannung das Schmerzerleben durch erhöhte körperliche Anspannung.

Es gelingt immer weniger loszulassen, zu entspannen.

Den größten Stress verursachen von Menschen bereiteter Ärger, ungelöste Konflikte, zu bewältigende Umbruchsphasen im Leben, mangelnde emotionale Sicherheit in Beziehungen. Die wesentlichen Stressoren herauszuarbeiten ist der erste Schritt einer psychosomatischen Schmerztherapie. Gelingt ein guter therapeutischer intimer Dialog können unverarbeitete, für die Beziehungsgestaltung und das Beziehungserleben im Heute jedoch bedeutsame Traumata durchzuarbeiten. Dadurch kann es gelingen, zu mehr Selbstvertrauen und autonomeren Lebensgestaltung zu finden.

Eine 53-jährige Patientin leidet seit vielen Jahren unter immer wiederkehrenden Schmerzen im Unterleib. Ihr war vor fünf Jahren die Gebärmutter wegen eines krebsverdächtigen Befundes am Muttermund entfernt worden. Vor dreieinhalb Jahre erlitt sie einen Bandscheibenvorfall im Übergang von der Lenden- zur Sakralwirbelsäule. Durch intensive Krankengymnastik konnte eine Operation vermieden werden. Während dieser Zeit aktiver Übungen kam sie auch weitgehend ohne Schmerzmittel aus. Doch seit einem Jahr haben die Schmerzen eine Intensität erreicht, dass sie zuletzt Tilidin einnehmen musste, ein zentral wirksames Analgetikum, dass sie kognitiv und stimmungsmäßig jedoch auch deutlich beeinträchtigte.

Sie wurde schon mit einer Vielzahl Schmerzmittel behandelt, die anfänglich als eine positive schmerzlindernde Wirkung zeigten, jedoch kurze Zeit später traten die Schmerzen wieder auf. Jetzt verlor sie schon alle Hoffnung, traute sich kaum noch das Haus zu verlassen, schonte sich so viel es ging. Sie vernachlässigte ihre Malerei, weil sie nicht mehr an der Staffel stehen konnte, besuchte keine Kunstausstellungen mehr, verlor den Kontakt zu guten Bekannten. Lediglich eine Freundin aus Schulzeiten besuchte sie zuletzt noch und nahm Anteil.

Schmerzen und Angst gehen oft eine unheilige Allianz ein.

Im genannten Beispiel können wir zunächst die Unterleibsoperation als erstes auslösendes Ereignis annehmen. Doch selbst das greift noch zu kurz. Was hat dazu geführt, dass die Patientin länger als zu erwarten, auch nach der Operation, noch unter Schmerzen litt? Diese war frühzeitig durchgeführt worden, so dass eine günstige Prognose gestellt werden konnte, nicht einmal eine Chemo- oder Strahlentherapie erforderlich wurde. Für eine Antwort auf diese Frage ist es opportun, sich ihre Lebensumstände zu diesem Zeitpunkt anzuschauen.

Die Patientin ist Mutter von zwei Töchtern im Alter von heute 27 und 23 Jahren. Die Ältere hat ihr Studium als Mediengestalterin schon beendet und ist aus beruflichen Gründen nach München gezogen. Hier hat sie mittlerweile einen Lebensgefährten gefunden, und es sieht so aus, als würden die beiden auf Dauer zusammenbleiben. Die 23-jährige steht kurz vor ihrem Master in Mode und Design und möchte nach dem Studium nach Düsseldorf ziehen. Bislang war sie immer zur Uni gefahren, möchte jedoch künftig mehr auf eigenen Beinen stehen.
Der Vater der Kinder hat mit vierzig Jahren, als die Mädchen drei und sieben Jahre waren, die Familie verlassen. Als alleinerziehende Mutter kümmerte sich die Patientin um diese mit Unterstützung durch ihre Eltern und arbeitete als Lehrerin. Es war ihr nicht leicht gefallen zu den Eltern zurückzukehren. Sie hatte ihr selbstbestimmtes Leben als Studentin genossen und war auch froh, in die Welt zu ziehen. Gerne hätte sie auch im Ausland gearbeitet. Ihren Mann lernte sie noch im Studium kennen. Sie hatte ein Schulpraktikum gemacht und an der gleichen Schule später auch ihr Referendariat. Ihr Mann arbeitete zu der Zeit ebenfalls an dieser Schule. Er war verheiratet, als sie sich kennen lernten. Sie hatte es toll gefunden, von einem älteren Kollegen umworben zu werden und sich auf eine Affäre eingelassen. Erst allmählich wurde aus einer Liebelei eine Verliebtheit, und er ließ sich scheiden, um sie heiraten zu können. Es dauerte nicht lange, und sie wurde schwanger. Noch in der Schwangerschaft mit dem zweiten Kind musste sie feststellen, dass sich in ihrer Beziehung etwas veränderte, das sie irritierte. Nachdem sie erfahren hatte, dass er ihr fremdging, fiel eine Welt für sie zusammen. Das hatte sie sich nie vorstellen können, einmal vor die Frage gestellt zu werden, wie sie ihre Kinder alleine großziehen könnte. Sie war daher nicht wenig erleichtert, dass ihre Eltern ihr anboten, sie in der Erziehung der Kinder zu unterstützen, damit sie auch weiter ihrer Arbeit nachgehen konnte.

Immer wieder berichten Mütter, dass sie schon während der Schwangerschaft erleben mussten, dass ihre Männer fremdgehen und die Familie verlassen. Es scheint so, dass junge Familien von der Identitätsbildung zum Vater und zur Mutter, der Weiterentwicklung der Partnerschaft um die Elternschaft, vom Aufbau einer gemeinsamen dritten Kultur aus den beiden familiären Kulturen jedes einzelnen überfordert sind. Dass „Liebe“ vielleicht viel zu sehr ausschließlich als ein Gefühl betrachtet wird, allzu sehr losgelöst wird von Verantwortung füreinander und Übernahme gemeinsamer Verantwortung für die Familie im weiteren Sinne.

Aus einer Notstands- wurde eine Wohlstandsgesellschaft

Niemand sucht sich seine Familie aus. Jeder wird in eine Familie hineingeboren. Keiner kann seine Familie letztlich verlassen. Wir können nicht nicht dazu gehören wollen, wir können sie verleugnen, wir können jeglichen Kontakt zur Familie abbrechen. Und dennoch sind wir Teil dieser Familie. In dieser erlernen wir modellhaft unsere sozialen Bindung- und Beziehungsgestaltungen. Erleben wir Zuneigung und Ablehnung, Aufmerksamkeit und Vernachlässigung. Zärtlichkeit und Gewalt, Rücksichtnahme und ausgenützt werden, Verlässlichkeit und emotionale Deprivation. Wie sich anvertrauen? Wie sich seiner eignen Bedürfnisse bewusst werden? Wie über seine eigenen Bedürfnisse reden? Wie sich trösten lassen? Wie den anderen trösten? Wie Sorgen teilen und sich miteinander freuen? Wie Nähe und Distanz regulieren? Wie die Potentiale des einzelnen zu einer Synergie führen? Wie gemeinsam Verantwortung tragen? Ziele formulieren? Wie sich über gemeinsame Werte klar werden? Bei wem sich ausweinen, um nicht an den eigenen Tränen zu ersticken? Bei wem Trost erfahren, wenn Streit und Konflikte mit den Eltern  oder der Eltern untereinander erlebt werden?

Nur ein Ergebnis dessen, was frühere Generationen vorgelebt haben?

Wenn heute so viele Paare sich trennen und scheiden lassen, so ist hierin auch ein Ergebnis des Vorlebens der Generationen vorher zu erkennen. 1871 hatte Bismarck eingeführt, dass eine Ehe vorrangig und zuallererst vor dem Staat bestätigt werden muss, dann erst vor der Religionsgemeinschaft. Es wurde den Menschen zugestanden, dass sie miteinander sich das entscheidende Ja-Wort geben, doch die rechtlich bindende Bestätigung wird vom Standesamt ausgesprochen. Dass jedoch jemand diesen Bund auflösen konnte, wenn er erkennen musste oder erkannte, dass er die falsche Partnerwahl getroffen hatte, wurde ihm erst 1976 durch Änderung des Scheidungsgesetzes zugestanden. Vorher galt das Schuldprinzip mit sehr großen finanziellen Nachteilen für denjenigen, der schuldig geschieden wurde. Diese Reduzierung auf den  juristischen Akt ohne ethisch-moralische Hinführung zu dem, was Ehe darüber hinaus auch ist, lässt vermissen, was früher Religionen vermittelt hatten. Wer übernimmt heute verbindlich diese Aufgabe?

Die Patientin hat keine finanzielle Not leiden müssen. Ihr Exmann hat regelmäßig seine Alimente bezahlt. Doch darum ging es ihr nicht. Sie hätte als Lehrerin den Unterhalt auch alleine bestreiten können. Sie vermisste den Rückhalt, war zutiefst enttäuscht, dass sie sitzen gelassen worden war. In ihrer Familie hatte es das bislang nicht gegeben. Sie verarbeitete es als Schmach, fühlte sich beschämt. Es gelang ihr jedoch, auch wütend zu werden, alle Kraft aufzubringen und nicht klein beizugeben. Sie entschied sich, die Kinder alleine groß zu ziehen. Dass dadurch ihre Lebensgestaltung stark eingeengt wurde, nahm sie billigend inkauf. Die Mädchen sollten durchaus Kontakt zum Vater haben, doch ihr Lebensmittelpunkt war bei ihr, der Mutter. Auch diese Entscheidung hatte ein Vorbild.

Ihre Großmutter hatte ihre Mutter auch alleine großgezogen. Der Großvater war im zweiten Weltkrieg schwer verwundet worden und starb 1949. Ihre Großmutter bezog Kriegswitwenrente, erarbeitete sich zunächst einen Zuverdienst und zog ihre Tochter alleine groß. In dieser Zeit gab es kaum unverheiratete Männer, und die Großmutter trauerte auch lange um ihren Mann, dem der Krieg die Jugend und zuletzt das Leben genommen hatte. Wie der Krieg auch ihr die Unbeschwertheit und Lebensfreude der Jugend genommen hatte. Ernsthaftigkeit und Pflichterfüllung prägten das Leben der Großmutter. Sie lebte mit ihrer Tochter bei den Eltern, und es gelang ihr, ein kleines Lebensmittelgeschäft aufzubauen und zu führen. Hierin fand sie ihre Erfüllung, als die Tochter auszog und heiratete. Später, nachdem ihre eigenen Eltern gestorben waren, zog sie mit ihrer Tochter und deren Familie wieder zusammen und war für ihre Enkelin eine liebe „Puddingoma“. Der Ehemann ihrer Tochter konnte anfangs gut damit leben, mit der Schwiegermutter unter einem Dach zu sein, auch wenn es unvermeidlich zu Reibereien kam. Insbesondere wenn er sich nicht genügend beachtet, wahrgenommen fühlte. Wenn er den Eindruck hatte, dass seine Frau mehr mit der Mutter sprach als mit ihm. Dieses Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, wenig Beachtung zu finden, verstärkte sich noch nachdem die Töchter geboren waren. Er kompensierte dies, indem er viel auch noch nach Feierabend arbeitete. Hierdurch ergab es sich, dass er im Alltag wenig präsent war.

Es ging auch ohne Mann, ohne Vater für die Tochter.

Für die Patientin stürzte keine Welt zusammen bei dem Gedanken, ihre Töchter alleine großzuziehen. Auch bei den eigenen Eltern wieder einzuziehen und die familiäre Unterstützung anzunehmen war für sie fast selbstverständlich. Sie hatte schon zu Zeiten, als sie noch mit ihrem Mann zusammenlebte, ihn darauf angesprochen, ob sie nicht mit ihren Eltern in einem Haus leben könnten. Für sie wäre es dann einfacher, ihrem Beruf nachzugehen. Für ihren Mann war das jedoch ein unvorstellbarer Gedanke. Drei Generationen unter einem Dach waren für ihn der Horror. Das hatte er zu Genüge in seiner Kindheit kennengelernt, als seine Eltern lange aus finanziellen Gründen darauf angewiesen waren, mit den Großeltern zusammenzuleben, ehe sie es sich erlauben konnten, ein eigenes Haus zu bauen.

Die Patientin erinnert sich, dass Unterleibsschmerzen erstmals mit Einsetzen des Klimakteriums ein immer wiederkehrender Begleiter in ihrem Leben geworden waren. Zu dieser Zeit waren ihre Mädchen in der Pubertät bzw. hatte die ältere Tochter ihren ersten festen Freund. Erst in der Therapie wurden der Patientin unerfüllte Sehnsüchte nach Partnerschaft, deren sie sich lange gar nicht bewusst geworden war, nach sich Erleben als Frau, als sexuell attraktiv und begehrenswert von einem Menschen wahrgenommen zu werden, spürbar. Trauer und Wut über die Scheidung kamen hoch. Diese Gefühle und Bedürfnisse hatte die Patientin weit zurückgedrängt gehabt, hatte die Erfüllung von Verantwortung, die Bestätigung ihrer eigenen Autonomie in den Vordergrund ihrer inneren Wahrnehmung gestellt gehabt. Doch jetzt zeichnete sich ab, dass ihre Mädchen, um die herum sie so intensiv und bereitwillig ihre Leben gestaltet hatte, erwachsen werden.

In dieser Zeit war auch ihr Vater verstorben. Ihre Mutter, die sonst stets ein offenes Ohr für die Belange der Tochter hatte, hatte sich sehr in ihre Trauer zurückgezogen. Sie signalisierte, dass sie ihre Enkeltöchter auch nicht mehr wirklich verstehen könne.

Für ihre Kinder hatte die Patientin alle Freizeitgestaltung zurückgestellt. Zwei Freundinnen aus der Kindheit waren der wesentlichen sozialen Kontakte, die sie aufrechterhalten hatte.

Familiäre Kultur ist ein zu gestaltender Prozess.

Wenn zwei Menschen sich zusammentun, so bilden sie eine gemeinsame dritte innerfamiliäre Kultur. Wie können junge Menschen mit gutem Gefühl das Elternhaus verlassen? Wie bilden sich Rituale der Begegnung heraus, um in Kontakt zu bleiben? Oft klären sich sehr konfliktreiche Beziehungen zwischen Kindern und Eltern, wenn die Kinder ausgezogen sind und zu Besuch kommen. Heute haben Emotionen eine viel größere Bedeutung als früher, z.B. In der Nachkriegszeit. Damals hieß es: ein Indianer kennt keinen Schmerz! Oder: Jungen weinen nicht! Gefühle wurden unterdrückt. Sigrid Chamberlain wertete in ihrem Buch: „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ zwei Bücher von der Kinderärztin Johanna Haarer aus. Haarer konzeptualisierte Kindererziehung ganz im Sinne der Nazi-Ideologie. Emotionen waren verpönt, körperliche Züchtigung und Beschämung empfohlene Methoden. Das Modell der Eltern bzw. Großeltern könnte gar nicht übertragen werden, da seit 2000 jedes Kind ein Recht auf gewaltlose Erziehung auch im Elternhaus hat. Doch wie erzieht man autoritativ statt autoritär? Wie können Eltern lernen, was Haim Ohm und Arist von Schlippe herausgearbeitet haben? Oder Maria von Aartz weltweit propagiert? Wer steht ihnen zu Seite, wenn sie Fragen zur Erziehung haben, wie es früher die Großeltern und Eltern oft konnten? Welches Familienmitglied steht dem Kind zur Seite, wenn es überfordert ist, Vater und Mutter unerreichbar sind? Wer beschützt das Kind, wenn es sich unwissentlich leichtfertig in Gefahr bringt? Oder angegriffen wird? Verunfallt?

Das Mehrgenerationenmodell ist heute oft unmöglich.

Berufsbedingt und auch wegen der Landflucht bleiben die Kinder oft nicht im Ort der Eltern wohnen. Dadurch können die Großeltern seltener in die alltägliche Erziehung einbezogen werden. In den Sechziger und Siebziger Jahren gelang es vielen jungen Menschen auch aus weniger privilegierten Arbeiterfamilien zu studieren. Das hat sich umgestaltet. Heute studieren vorwiegend Kinder aus Akademikerfamilien und heiraten vielfach auch untereinander. Doch wie sieht eine gelungene Kultur in der Schicht der Akademiker aus? Der Städter, wenn das Paar vom Dorf stammt? Der Besserverdienenden? Noch lange nicht gelingt es, wenn jemand eine Firma aufbaut, dass diese auch von der nächsten Generation fortgeführt wird. Wie leitet man seine Kinder, ein Familienunternehmen fortzuführen? Viele handwerkliche Betriebe, seit mehreren Generationen in Familienhand, beenden die Tradition, weil der Standort nicht mehr günstig ist, das Handwerk ausstirbt, die erforderlichen Ressourcen ausgeschöpft sind.

Die Patientin erinnert sich, nachdem sie großes Vertrauen in die Therapeutin gefasst hat, dass sie mit 18 Jahren einmal per Anhalter mitgefahren war. Es war sehr leichtsinnig, dessen war sie sich bewusst. Und ihre besorgte Mutter durfte hiervon auch nichts erfahren, sie hätte sich zu Tode gegrämt, hätte sie erfahren, dass die einzige Tochter Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war. Damals hinterließ diese Gewalterfahrung lange Zeit heftige stechende Schmerzen im Bereich der unteren Wirbelsäule. Als vor fünf Jahren nächtelang angespannt im Bett gelegen hatte und nicht schlafen konnte, kreisten ihre Gedanken immer wieder um die Fragen: Wie kann ich meine Tochter schützen, dass ihr das nicht auch widerfährt! Wird die Tochter den Mut haben, die Mutter ins Vertrauen zu ziehen? Denn gerade die jüngere Tochter bereitete der Mutter Sorgen, weil sie allzu rücksichtsvoll und zurückgezogen sich verhielt, der Mutter nicht zusätzlichen Kummer bereiten wollte.

Würde es ihr, so fragt die Patientin, gelingen können, eine erfüllte Sexualität zu erleben? Sie hatte Angst nicht nur vor der möglichen Enttäuschung, wieder verlassen zu werden. Sie hatte in der Ehe mit ihrem Mann nur kurze Zeit gerne mit ihm Sex gehabt. Spätestens nach der Geburt der zweiten Tochter hatte ihre Libido deutlich nachgelassen. Und sie hatte mit ihrem Mann weder über ihre traumatische Erfahrung als Jugendliche sprechen können, noch hatte sie „gelernt“, über Sexualität und ihre ureigenen Bedürfnisse zu sprechen. Sie hätte sie nicht benennen können.

Es fehlen die Vorbilder, die Modelle für eine sichere innere Orientierung.

Sich von braunem Gedankengut zu distanzieren reicht nicht aus. Es gilt auch zu erfassen, wo es sich im familiären Alltag unbewusst immer wieder einschleicht. Lebendiger Dialog mit anderen gleich Betroffenen und nach zeitgemäßen Lösungen Suchenden ist ein Ausweg.

Die Patientin hat zu neuem Selbstvertrauen gefunden durch:

  • die Bearbeitung alter Themen, das Erkennen und Benennen von lange nicht zugestandenen Bedürfnissen,
  • das sich Eingestehen, unberechtigte Ängste bzgl. Ihrer Kinder, insbesondere der jüngeren Tochter zu haben, die sich mit ihrer eigenen traumatischen Erfahrung als Jugendliche verbinden lassen, Erfassen und Bearbeitung ihrer Ängste bzgl. Ihrer eigenen wenig konkreten Lebensplanung,
  • ihrer lange nicht uneingestandenen Sehnsüchte, nicht alleine zu bleiben, Ihre Weiblichkeit und Attraktivität erleben zu wollen.

Dadurch verringerten sich ihre innere Anspannung und Angst und ihre allgemeine Körperspannung. Dadurch senkten sich dei Schmerzen, benötigte sie weniger Analgetika und konnte aktiver mitarbeiten in der Krankengymnastik, bis sie zusätzlich in ein Fitnessstudio gehen konnte.

Der unzureichende intime Dialog in der Familie kann sich nach Aufbau von ausreichend gefestigtem Vertrauen in einer therapeutischen Beziehung aufbauen.

Es können schambesetzte, weit ins Vergessen geratene traumatische Ereignisse erinnert und in ihrer Bedeutung für die Beziehungsgestaltung heute durchgearbeitet werden. Ängste, die sich mit der Loslösung verbinden, die jede gute Mutter, jeder gute Vater, alle guten Eltern sich für ihre Kinder wünschen, können artikuliert werden. Eigene Bedürfnisse können erkannt und benannt werden, und im gemeinsamen Gespräch kann ermutigt werden, Neues auszuprobieren. Dabei versteht sich der Therapeut nicht als unhinterfragbare Autorität, nicht irgendwelche Konzepte sind wegweisend. Er interveniert autoritativ vor dem Hintergrund von Empathie, Verlässlichkeit, Präsenz und seiner beruflichen und bestenfalls auch menschlicher Erfahrung. Es gibt keine Wahrheiten, sondern nur das ehrliche Suchen im gleichberechtigten Dialog nach individuellen Lösungen.

Dr. Wolfgang Hagemann