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Chronischer Schmerz – eine Herausforderung

…für den Patienten und den Psychosomatiker

Schmerzen werden individuell erlitten und erfahren. Es gibt nach wie vor keine naturwissenschaftliche abgesicherte Methode, die Intensität eines Schmerzes zu definieren. Zu Beginn eines Schmerzerlebens lassen sich sehr oft körperliche Ursachen beschreiben: Ein Unfall, der mit Verletzungen des Skelettsystems, der Muskulatur oder zumindest auch Haut einhergegangen ist, Verbrennungen und Verletzungen, schmerzhafte organische Erkrankungen wie Koliken und vieles mehr. Sind die Auswirkungen körperlicher Ursache abgeklungen, bestehen vielfach die Schmerzen jedoch weiter. Vielfältigste schmerztherapeutische Interventionen verschaffen Linderung. Bleiben die Schmerzen dennoch bestehen, wird die Lebensqualität des Patienten massiv und vor allem dauerhaft eingeschränkt, bestimmt der Schmerz Denken und Erleben des Betroffenen. Es erwächst hieraus ein psychosomatisches Störungsbild, dass eine eigene Behandlung erfordert. Das unten beschriebene Fallbeispiel macht erkennbar, dass es oftmals „nur“ darum geht, dass der Patient bei Fortbestehen der Schmerzen dennoch in Phasen geringeren Schmerzerlebens Möglichkeiten nutzt, um sein Denken und Empfinden auf das zu lenken, was für seine Lebensfreude wichtig ist. Hiermit ist keine psychosomatische Therapie ersetzt, hierüber kann der Patient eine positive Erfahrung machen, dass es Hilfe über das Einnehmen von Medikamenten und Schonhaltung und gedankliche Fixierung noch etwas gibt, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt. Er kann erkennen, dass in sicherlich anderer Form als vor der schmerzauslösenden Erkrankung Lebensqualität für ihn möglich ist.

Fallgeschichte:

Ein Mitte 64-jähriger Mann, von Beruf Polier auf dem Bau, leidet unter Schmerzen in verschiedenen Gelenken. Nachgewiesenermaßen leidet er unter einer fortgeschrittenen Arthrose im linken Knie und beiden Hüftgelenken sowie Verschmälerungen im Bereich der Bandscheiben mit immer wiederkehrenden Rückenschmerzen. Außerdem ist er erheblich übergewichtig und sein Blutdruck ist erhöht.

Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die 41-jährige Tochter hat zwar ein Studium absolviert, ist derzeit aber arbeitslos. Sie hatte eine unkündbare Position aufgegeben wegen eines Freundes, von dem sie sich jedoch später getrennt hatte. Der 38-jährige Sohn ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von neun und fünf Jahren.

Bevor der Patient als Polier eine Baukolonne leitete, war er selber Maurer. Insbesondere in den 70-ger Jahren war viel gebaut worden, und neben einer ca. 44-Stunden-Arbeitswoche, arbeitete er zusätzlich noch im Rahmen von Nachbarschaftshilfe in den Abend hinein und an den Wochenenden. Auch hatte er für sich und seine Familie ein kleines Eigenheim, vorwiegend mit eigener Hand und der Hilfe von befreundeten Handwerkern gebaut. Sein Traum, wie er einmal als Rentner sein Leben gestalten wollte, beinhaltete im Wesentlichen, den großen Garten zu bestellen und alle möglichen Handwerksarbeiten auszuführen. Dafür hat er sich viel Werkzeug angeschafft, unter anderem auch eine Fräsmaschine, um mit Holz zu arbeiten.

Der Patient ist seit 1,5 Jahren arbeitsunfähig und wird in acht Monaten seine Altersrente beziehen. Er wird nicht mehr seinen Beruf nachgehen können, auch wenn er nicht mehr als Polier schwerkörperlich gefordert wäre.  Zu seinem Selbstbild gehört es, sich als sehr stark, als Ernährer und Beschützer der Familie zusehen.

Schmerz erleben und Schmerz verarbeiten sind sowohl seelische als auch kognitive Leistungen. Krisen bzw. Lebensumbrüche und Konflikte bedingen innere Anspannung und kosten Energie.

 

Mit dem Eintritt ins Rentenalter verliert dieser Mensch seine Möglichkeit zur Selbstaktualisierung,  zeigen zu können, was zu leisten als Polier er fähig ist. In seiner Verantwortung als Vorgesetzter genießt er soziale Reputation und Anerkennung, erlebt er Zugehörigkeit, da ist er wer. Durch seine Leistung hat er sich positiv herausheben können und nicht nur mehr Geld als die anderen verdienen können, sondern hat sich auch gut sozial positionieren können. Es blieb auch einiges für einen bescheidenen Wohlstand übrig. Er konnte für sich und seine Familie etwas leisten, und wenn jemand dessen bedurfte, konnte er ihm auch davon abgeben. Für seine Freunde war er verlässlich und er half, wo er nur konnte. Es war ihm möglich, seinem Selbstbild zu entsprechen und daraus Zufriedenheit abzuleiten.

Die Grenzen, die der Körper durch die Arthrose in vielen Gelenken ihm aufzeigen, schmerzen ihn zusätzlich. Der Verlust der Fähigkeit zur Selbstaktualisierung, seinem Selbstbild von Leistungsstärke und Beschützersein gerecht werden zu können, erschüttern ihn zutiefst. Der Blick in die Zukunft, sein Rentnerdasein nicht dazu nutzen zu können, den bescheidenen Wohlstand in Lebensqualität, in Genuss von Annehmlichkeiten ummüntzen zu können ist erheblich getrübt. Sein Leben lang war er auf Sicherheit aus und hatte immer mehr erwirtschaftet, als notwendig war, um im Fall der Fälle auf Rücklagen zurückgreifen zu können. Er hat Angst, durch Weiterarbeiten noch mehr Schaden zu nehmen.

Sein Blick nach vorne ist heute geprägt in Hoffnungslosigkeit, von dem Bedürfnis, seinen „Rest an Gesundheit“ erhalten zu wollen. Von Abhängigkeit von körperlicher Begrenztheit. Von Enge statt erhoffter Freiheit und Weite. Dies trübt seine Lebensfreude massiv. Sein Denken ist von dieser Enge und den trüben Zukunftsaussichten geprägt. Er verschwendet keinen Gedanken an aktive Gestaltung von Lebensqualität.

Immer stand seine Familie an erster Stelle für ihn. Seiner älteren Tochter unter die Arme zugreifen ist ein Wunsch, dem er auch heute entspricht, der ihn jedoch sehr unter Druck setzt, da er nicht mehr imstande ist, durch mehr Leistung mehr zu erwirtschaften, im Gegenteil eher weniger Krankengeld bezieht als er früher Gehalt bekommen hat, und er selbstverständlich ans Eingemachte geht, an seine Rücklagen, worin er von seiner Frau auch bestärkt wird.

Durch die 1,5 Jahre, die er schon arbeitsunfähig krank ist sowie die lange Zeit, die er schon Schmerzpatient ist, ist er in seiner Persönlichkeit verändert. Der Schmerz ist zu einem substanziellen Bestandteil seines aktuellen Selbstbildes geworden. Antrieb und Eigenmotivation, dies infrage zu stellen, bringt er nicht mehr auf, stattdessen hat er sich abgefunden und richtet Denken und Erleben darauf aus, sein Leben danach auszurichten.

Zentrale Fragestellungen für das psychosomatische Verständnis dieser zweifelsohne körperlich begründeten Schmerzen sind:

  • Welche Lebenskrisen lassen sich beschreiben, die
    • zu dem Zeitpunkt bestanden, als der Schmerz deutlich mehr als zuvor das Leiden bestimmte und den Patienten zum Schmerzpatienten machte
    • sich heute beschreiben lassen – im Laufe eines chronischen Leidens durchlebt ein Mensch unabhängig vom symptomausprägenden Grundleiden ganz natürliche Krisen, die auf die Schmerzverarbeitung einwirken
  • Welche Konflikte lassen sich beschreiben, die
    • zu dem Zeitpunkt bestanden, als der Schmerz deutlich mehr als zuvor das Leiden bestimmte und den Patienten zum Patienten machte
    • sich heute beschreiben lassen – im Laufe eines chronischen Leidens durchlebt ein Mensch unabhängig vom symptomausprägenden Grundleiden ganz natürliche Krisen?
  • Welche live events (lebensveränderten Ereignisse) sind zusätzlich zu verarbeiten? (siehe die Skala unten)
  • Wie sah das Selbstbild des Patienten aus, bevor er Schmerzpatient wurde?
  • Wie sieht das Selbstbild des Patienten als Schmerzpatient aus?
  • Über welche Ressourcen verfügt der Patient
    • zur glücklichen Beziehungsgestaltung                                           
      • – in der Familie
      • – im Freundeskreis
      • – im Arbeitskontext
    • zur Selbstaktualisierung außerhalb des beruflichen Kontextes
      • – in der Familie
      • – im Freundeskreis
      • – im gesellschaftlichen Kontext

Das permanente Erleben von Schmerz hat zu einer Einengung im Denken geführt. Diese hat die Qualität einer depressiven Reaktion angenommen. Um die Dynamik verstehen zu können, sind oben genannte Fragen weiterführend. In Abhängigkeit von den Antworten lassen sich neue Fragen formulieren. Ziel von psychosomatischer Therapie wird es in einem ersten großen Schritt sein, dass der Patient wieder Hoffnung schöpft, dass es auch für ihn noch etwas anderes gibt als an seine Schmerzen zu denken.

Hierfür wird das Emotionszentrum zu stärken sein. Die Angst überschattet derzeit sein Leben. Wenn es gelingt, wieder mehr Lebenszufriedenheit unter den gegebenen Bedingungen zu gewinnen, Momente des Glücks zu erleben, wird er mehr Energie in eine gelingende Schmerzverarbeitung stecken können.

Einfache Interventionen, die dem Schmerzpatienten Hoffnung machen können, dass eine psychosomatische Therapie helfen kann. Der Dalai-Lama hat es einmal kurz und bündig auf den Punkt gebracht: „Alle Menschen wollen glücklich sein“. Davon ausgehend lassen sich therapeutische Interventionen ableiten, das Denken und Erleben des Patienten positiv zu beeinflussen. Jede psychosomatische Behandlung kann nur in kleinen Trippelschritten und über längere Strecke erfolgreich sein. Folgende „Hausaufgaben“ können hier zielführend sein:

  • Notieren Sie sich abends drei Momente des Tages, die schön waren, Sie für einen kleinen Moment glücklich gemacht haben

Nach 14 Tagen:

  • Notieren Sie sich zwei Momente des Tages, die schön waren, Sie für einen kleinen Moment glücklich gemacht haben, und einen Moment, an dem Sie Ihrer Frau eine Freude machen konnten

Nach weiteren 14 Tagen:

  • Schauen Sie einmal bewusst darauf, wie Ihre Frau, ggf. Ihre Kinder und weitere nahestehende Menschen reagiert haben, ohne zu wissen, dass Sie diese Übungen durchführen. Meist lässt sich nicht sofort ein direkter Zusammenhang herstellen zwischen ihren abendlichen Reflektionen und beobachtbaren Veränderungen. Können Sie diese jedoch für sich beschreiben sollte Sie dies ermutigen, sich weitergehende psychosomatische Hilfe zu holen. Diese berücksichtigen ihre ersten Erfahrungen und bauen hierauf auf.

 

„Bei diesem Fallbeispiel handelt es sich um eine frei erfundene Geschichte.
Die dargestellten Personen sind ebenso frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig. Alle beschriebenen Handlungen sind zwar an die Realität angelehnt, beziehen sich aber nicht auf konkrete Begebenheiten. Auch hier sind alle Ähnlichkeiten rein zufällig.“

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