Aktuelles, Blog

Identitätsfindung durch Begegnung

Autor: Dr. Wolfgang Hagemann

„Man sagt, man müsse die Kinder auf die digitale Welt vorbereiten. Es ist ein Imperativ, eine unbedingte Notwendigkeit. Niemand weiß genau, welchen Tribut der Digitalisierungswahn verlangt, wenn die Kinder die Schule mit 14 oder mit 18 Jahren verlassen. Keine empirische Studie kann eindeutig belegen, dass der Vorgang der Weltaneignung besser mit den Medien gelingt. … Bevor die Heranwachsenden es gelernt haben, mit all ihren Sinnen die Welt und sich selbst zu entdecken, werden ihre Erfahrungsmöglichkeiten digital verdunkelt. Das Gegenüber ist vielfach nicht die Wirklichkeit, sondern Virtualität. Die Identitätsstiftung durch Anteilnahme an der Vielfalt der sozialen und natürlichen Welt wird durch virtuellen Anreize eingeschränkt. Das individuelle Potential wird nicht ausgeschöpft, die Bildung der Kinder wird erschwert. Das digitale Geschehen trägt dazu bei, Welten vorzutäuschen, die niemals Wirklichkeit erlangen. Die Schärfung der Sinne kann sich nicht entfalten, wenn man von einem Ufer zum anderen gelangen kann, ohne eine Brücke zu überqueren.“ (Salman Ansari in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 25.03.2018, S. 10)

Kinder brauchen für ihre Identitätsbildung Teilhabe, Zugehörigkeit und Zusammenhalt

Es ist wie stets in der Erziehung von Kindern auch hier von größter Bedeutung zu beachten, dass das Kind beim Erlernen von Fertigkeiten, wie es für das Bedienen des Computers benötigt wird, nicht alleine gelassen wird. Kinder brauchen für ihre Identitätsbildung Teilhabe, Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Über die lebendige Auseinandersetzung im Miteinander gleichen sie Selbstideal, Wunschvorstellungen und Fremdwahrnehmung und in der Begegnung mit anderen erfahrene Wirklichkeit miteinander ab. So finden sie zu einem realitätsgerechteren Selbstbild. Kinder, die sich selbst überlassen bleiben, flüchten sich gerne in eine Phantasiewelt, die ein Selbstbild eigener Großartigkeit mit Allmachtsphantasien verbindet. Kritikfähigkeit erlangen Kinder im lebendigen Dialog, über den Austausch kontroverser Sichtweisen, dem Herausfinden gemeinsamer Zielsetzungen. Insbesondere in der Pubertät und in der Jugend kommen noch die Auseinandersetzung mit dem sich verändernden Körper und der Selbstwahrnehmung als Mann oder Frau hinzu. Sportlicher Wettkampf, Mannschaftsspiel und sich sowohl messen mit anderen, als auch das Verbessern eigener Leistungen bedeuten eine wesentliche sinnliche Erfahrung. Ein positives Körpergefühl, das Erleben von Kraft und Balance stärken das Selbstvertrauen der jungen Menschen. Sie lernen sich zu positionieren, zu verorten in einer Gruppe Gleichaltriger.

Überall, wo Menschen sich begegnen, gibt es Konflikte

Diese sollten tunlichst nicht via E-Mail, WhatsApp oder Facebook und sonstigen Social Media geklärt werden. Den anderen zu hören, zu sehen, als Ganzes wahrnehmen zu können erleichtert erheblich Konflikte zu klären, Kompromisse zu bilden und Konsens zu finden.

Das geschriebene Wort liefert dem, der es formuliert hat, der Interpretation und dem Verständnis des anderen aus. Es gibt keine unmittelbare Rückkopplung, nicht die Wahrnehmung, ob der andere das Geschriebene so versteht, wie es ausgedrückt werden sollte. Wir kennen alle die große Bandbreite der Interpretationen von Gedichten und Texten aus unserer Schulzeit. Einen Text eineindeutig zu formulieren gelingt nicht, so Hans Georg Gadamer.

„Du bist der Herr Deiner Worte,
einmal ausgesprochen beherrschen sie Dich“

bekommt hier große Bedeutung. Im direkten Miteinander lassen sich Missverständnisse frühzeitig erkennen und ausräumen. Ansonsten können solche Missverständnisse zu viel heftigeren Konflikten bis hin zu Kontaktabbrüchen und Trennungen führen. Ärger, Wut, sich nicht verstanden fühlen, sich abgelehnt erleben können eine große Intensität erreichen, wenn nicht unmittelbare Klärung möglich ist, so dass man sich später schwer tut, sich wieder in die Augen zu schauen, sich gegenüber zu treten.

Die digitale Welt bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten. Für die Identitätsbildung jedoch sind die Begegnung, die unmittelbare Auseinandersetzung, das sinnliche Erleben und Wahrnehmung des anderen in der Beziehung, das Befriedigen der Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, nach Standortbestimmung in der Gruppe, nach wahrgenommen und geliebt werden elementar und durch nichts zu ersetzen.

Dr. Wolfgang Hagemann