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Mobbing: Wenn die pädagogische Gemeinschaft versagt

Fallbeispiel einer Mobbing-Erfahrung:
Eine 27-jährige junge Frau beschreibt: „Seit 13 Jahren leide ich unter chronischen Bauchschmerzen.“ Sie habe so sehr an Kraft verloren, sowohl körperlich als auch geistig, dass sie ihr Studium nicht habe fortsetzen können. Umfangreiche Untersuchungen durch verschiedene Ärzte und Behandlungsansätze von Heilpraktikern hätten keine Linderung gebracht. Sie sei wieder zuhause eingezogen und hierüber ganz unglücklich.

 

Mobbing Erfahrung

Der Beginn ihrer Beschwerden weist deutlich in die Schulzeit zurück. Vor 13 Jahren erlebte sie sich gemobbt, fühlte sich zunehmend ausgeschlossen, erreichte das Klassenziel nicht und erlebte sich blamiert und insbesondere auch in der Familie runtergemacht. Sie kam auch in der neuen Klasse nicht zurecht. Erst nach einem Schulwechsel gelang es ihr, soweit Tritt zu fassen, dass sie ihr Abitur erfolgreich machen und sich immatrikulieren konnte. Während ihrer Mobbing-Erfahrung erlebte sie sich schutzlos den Anfeindungen ausgesetzt. Von Seiten der Lehrer und Lehrerinnen in ihrer Klasse erlebte sie sich nicht wahrgenommen, stattdessen getadelt wegen nachlassender schulischer Leistungen. Da ihre körperliche Entwicklung verzögert einsetzte, erlebte sie sich benachteiligt gegenüber gleichaltrigen Klassenkameradinnen und von Jungs nicht gesehen. Zuhause erfuhr sie keinen Rückhalt, sondern Vorwürfe ob ihres zunehmenden schulischen Versagens. Sie zog sich immer mehr auch von ihren Freundinnen zurück, konnte sich ihnen nicht mehr vertraut mitteilen, sich keinen Rückhalt holen. Die Bauchschmerzen als Signal für ein Bedürfnis nach Zuwendung, nach Zugehörigkeit und zunehmendem Verlust von Kontrolle über ihren Körper und Verlust von Orientierung in ihrem Leben wurden ausschließlich körperlich eingeschätzt. Die Bauchschmerzen boten ihr die Möglichkeit, sich in Konfliktsituationen und vor belastenden Begegnungen in der Schule zurückzuziehen.

 

Die pädagogische Gemeinschaft (PädG) wird gebildet aus der Ursprungsfamilie eines Menschen, der Klassengemeinschaft sowie den Freunden, der Peergroup und den Lehrerinnen und Lehrern der Schule. Autorität erlangen Eltern, Lehrer und Freunde sowie Mitschüler durch Präsenz in der Begegnung. Damit bauen sie Vertrauen auf und bilden tragfähige Beziehungen. (Abb. 1)

Abb.1 Pädagogische Gemeinschaft wird von drei Systemen gebildet: Familie und Freunde, Lehrer und Mitschüler sowie Lehrer

Pöbeleien kommen in allen menschlichen Systemen vor. Wie hierauf reagiert wird entscheidet über die Wirkungen. In einer guten pädagogischen Gemeinschaft wird dem Mobbingopfer respektvoll begegnet und es wird ihm erkennbar macht, dass er nicht alleine ist, versichert ihm des Rückhaltes und hilft ihm, die über das Mobbing ausgedrückten Beziehungskonflikte anzugehen und zu lösen. Das Ziel ist hierbei, dass die Werte der Pädagogischen Gemeinschaft fokussiert werden, die Autorität durch Beziehung[1] zum Ziel haben und über Präsenz in der Begegnung erlangt werden. Wenn ein Mensch sich in einer persönlichen Krise oder in Not befindet, sollte die pädagogische Gemeinschaft dergestalt darauf reagieren, dass sie häufiger in Begegnung tritt und zu erfassen sucht, wie es diesem Menschen geht, Rückhalt und Unterstützung vermittelt und insbesondere auch mit echtem Interesse sich dem subjektiven Erleben des Opfers zuwendet ohne zu bewerten, ohne zu verurteilen, ohne Macht auszuüben.[2] In der Beziehungsgestaltung verhält sich jeder verbindlich, und wenn jemand, der unterstützen möchte, nicht weiter weiß, so kann er sich an andere aus der pädagogischen Gemeinschaft wenden und sich entweder selbst beraten lassen, um besser unterstützen zu können, oder jemanden ansprechen, der in einem guten Kontakt zu dem Mobbingopfer steht, dass er oder sie sich seiner / ihrer annimmt. Auch die Begegnung mit dem/den Mobber/n wird intensiver gestaltet, um die Motive zu verstehen und darauf hinzuwirken, mit dem Opfer ins Gespräch zu kommen, um die Konflikte zu bereinigen.

Die Mobbingerfahrung…

…als eine soziale Traumatisierung verstärkte in der jungen Frau das Erleben, konfliktreichen Spannungsfeldern und Beziehungsgeflechten ausgesetzt zu sein und nichts dagegenhalten zu können. Ihr fehlte die Erfahrung des Rückhalts in einer sozialen Gemeinschaft, sei es zuhause oder in der Klasse. Ihr wurde es letztendlich auch nicht möglich, als junge Erwachsene im Studium ihre Frau zu stehen. Sie hatte nicht gelernt, dass sie anderen wert ist, dass sie dazu gehört, sich aufgefangen und unterstützt wissen kann. Diese Erfahrung machte sie erst in der therapeutischen Gemeinschaft, in welcher sie den nötigen Schutz erfuhr, ihr sich Zurückziehen in Frage stellen konnte, sie sich ihrer positiven Stärken bewusst wurde durch sehr hohe Begegnungsintensität und Verbindlichkeit, wie sie für diesen Kontext unabdingbar ist. Hier konnte sie nachreifen und zu ihren Fähigkeiten finden, sich aktiv einzubringen und auch auf andere Menschen wieder zuzugehen.

[1] Arist von Schlippe, Haim Omer: Autorität durch Beziehung – Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Vandenhoek&Ruprecht-Verlag

[2] Haim Omer, Arist von Schlippe: Stärke statt Macht – Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde

Von Dr. Wolfgang Hagemann
Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik

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