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„Volkskrankheit Depression – So denkt Deutschland“

Stellungnahme zur Pressemitteilung von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Es wird in dieser Pressemitteilung zum Ausdruck gebracht, dass aktuell nur 63% die große Relevanz der erblichen Komponente der Depression „kennt“. „Nur zwei Drittel wissen, dass während der Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist“.

Joachim Bauer schreibt in seinem Buch: Das Gedächtnis des Körpers – wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern auf Seite 7: „Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert… Geistige Tätigkeit, aber auch Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen haben im Gehirn biologische Veränderungen zur Folge“… Und weiter unten schreibt er: „Ereignisse, Erlebnisse und Lebensstile (steuern) die Aktivität von Genen und (verändern) Strukturen“. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war, abgeleitet aus Beobachtung und Erfahrung, von William James beschrieben worden: „Ein Erlebniseindruck kann emotional so aufregend sein, dass er beinahe so etwas wie eine Narbe in der Gehirnsubstanz hinterlässt!“, zitiert Joachim Bauer William James, 1890. Es stand für den Nervenarzt Siegmund Freud außer Frage, dass es eine Gleichzeitigkeit von körperlichem, geistigem und seelischem Agieren und Reagieren gibt, dass zu seiner Zeit wohl noch nicht die technischen Voraussetzungen geschaffen waren, dies wissenschaftlich zu belegen. Heute ist diese Erkenntnislücke geschlossen. Die genetischen Voraussetzungen jedes Menschen sind so unglaublich riesig, dass wir von einer Disposition zur Entwicklung depressiver Störungen ausgehen dürfen, jedoch nicht von einer Festlegung, dass genetische Voraussetzungen definieren würden, ob jemand depressiv krank wird oder nicht. Von chronisch erhöhtem Stress z. B.  wissen wir, dass er auf Dauer zu einer Verkleinerung der Hippocampusregion (einer im Mittelhirn gelegenen Struktur) führt. Gelingt es, den Stresslevel zu senken, so bildet sich diese Substanzminderung zurück. Durch Traumata werden bestimmte Hirnareale überaktiviert, und der Mensch hat nur noch drei Reaktionsalternativen zur Verfügung, die sogenannten drei F: fight, flight, freeze. Der Mensch kann sein Handeln nicht mehr bewusst steuern:

  • er verliert seine Impulskontrolle und geht in den Angriffsmodus oder
  • er „versteinert“, verstummt und wird bewegungslos starr oder
  • er wird panisch und flieht.

Diese extremen Beispiele belegen die Dominanz des Mittelhirns, der Emotionszentrale, über das Großhirn, der Denkzentrale. Hieraus abgeleitet ist rückzuschließen, dass die chemischen Prozesse im Mittelhirn, im Wesentlichen Serotonin- und Dopamin-abhängig, überaktiv sind und hierauf Einfluss genommen werden muss. Das Schaffen eines sicheren Rahmens, wie dies in der Einzeltherapie und im klinischen Kontext mit der Bildung einer therapeutischen Gemeinschaft gelingt, reduziert den Stresslevel und wirkt beruhigend, selbstregulatorisch. Der Patient kann in diesem Kontext von der Therapie lernen, dass er in Extremsituationen überreagiert und wie er ihnen künftig begegnen kann ohne überzureagieren, ins Chaos zu stürzen.

Durch Wachstum, Erfahrung und Reifung bilden sich individuelle Neuronennetzwerke im Gehirn. Alle Wahrnehmung: hören, sehen, riechen, fühlen und schmecken sowie alle Erkenntnisse werden in diesen Neuronennetzwerken verknüpft und bleiben abrufbar. Lebenserfahrungen, auf die ein Mensch mit Depression reagiert, lassen sich meist zurückführen auf in der Vergangenheit gemachte konflikthafte Beziehungen, die eine wenig befriedigende Lösung gefunden haben und auf Lebenskrisen, auf die mit einem positiven Reifungsschritt  zu reagieren nicht gelungen ist. Diese Neuronennetzwerke zerreißen im Fall einer Traumatisierung, oder aber sie machen den Menschen z.B. nach einer ersten depressiven Reaktion empfänglicher dafür, erneut depressiv zu reagieren auf Lebensbedingungen und Beziehungserfahrungen, auf die keine befriedigende Antwort gefunden wurde. Es verwischt sich für ihn das Erleben in der Vergangenheit, das in dem Neuronennetzwerk verankert wurde, und die Verarbeitung eines Beziehungskonfliktes oder einer Lebenskrise im Hier und Jetzt. In der Therapie lernt er zu unterscheiden, dass die damaligen Erfahrungen zwar ähnlich sind, seine Reaktionsmöglichkeiten heute als erwachsener Mensch sowie unter den veränderten äußeren Umständen andere sind, er Reaktionsmöglichkeiten zur aktiven Gestaltung hat, die ihm früher nicht gegeben waren.

Alles bildet sich in der genetischen Reaktion, in den Neuronennetzwerken und Gehirnstrukturen selbstverständlich ab. Monokausale Behandlungsansätze wie Medikamente oder im Internet zugänglich gemachte Programme können der individuellen Komplexität nicht ausreichend gerecht werden.

  • Gerade bei leichten Depressionen hat sich bislang die Psychotherapie als ganz klar überlegen gezeigt.
  • Bei einer mittelgradigen depressiven Erkrankung ist die Psychotherapie unabdingbar, manchmal bedarf sie der Ergänzung durch geeignete Antidepressiva, z. B. aus dem Bereich der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.
  • Bei schweren depressiven Episoden ist die Kombinationsbehandlung Standard und somit erfahrungsgemäß der sicherste Weg, aus der Depression herauszufinden. Hier kann ggf. die therapeutische Gemeinschaft, wie sie in Fachkliniken für Psychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie gebildet wird, einen Schutzraum schaffen, in dem der Mensch darüber hinaus seinen Stresslevel herunterregulieren kann und durch intensive Psychotherapie Zusammenhänge knüpft, die für seine künftige Lebensgestaltung bedeutsam sind.

Onlineangebote zur Selbsthilfe werden propagiert, um vorhandene Versorgungsengpässe durch neue Behandlungswege abzumildern. Von der Prämisse ausgehend, dass die Emotionszentrale, unser Mittelhirn, stärker ist als unsere Denkzentrale, das Großhirn, sind Grenzen eines internetbasierten Selbstmanagementprogramms gesteckt.

Wir reflektieren in einer Psychotherapie, für die die tragende Beziehung zwischen Therapeut und Patient das wesentliche Agens darstellt,

  • individuelle Erfahrungshintergründe, die auch körperliche Vorerkrankungen und ihre geistige und seelische Verarbeitung mit einschließen.
  • Interaktionsmuster in Familie und Freundeskreis, in wie weit diese zur emotionalen Stärkung oder ungünstigenfalls Schwächung beitragen.
  • die Beziehungsmuster in der Arbeitswelt, in der sich erwachsene Menschen selbst aktualisieren und sich autonom sozial absichern.

In der Psychotherapie finden sie zudem auch einen sozialen Rahmen, in dem Anerkennung und Akzeptanz förderliche Qualitäten darstellen: Wertschöpfung kommt von Erdschätzung. Die positive Erfahrung von Anerkennung und Wertschätzung in der therapeutischen Beziehung leitet dem Patienten den Weg, wie er aus dem Erleben von Hilflosigkeit, gebunden sein, von äußeren Umständen abhängig zu sein und keine Perspektive für sich zu erkennen, herausfinden kann. Seinen Schlaf besser zu regulieren und Möglichkeiten zu finden, negative Gedankenkreise zu durchbrechen oder auch positive Aktivitäten zu planen sind wertvolle Ergänzungen, jedoch kein Ersatz. Mit dieser Einschränkung ist es durchaus weiterführend, einem Menschen, der an einer leichten Depression erkrankt ist, mit solchen internetbasierten Programmen eine erste Hilfe anzubieten, bis die wesentliche Ergänzung um eine psychotherapeutische Behandlung erfolgen kann.

Hier wäre es aus meiner 40-jährigen Erfahrung als Psychiater und Psychotherapeut viel weiterführender:

  1.  wenn die Patienten, die nach wie vor in der Mehrzahl mit ihrem Leiden sich an Mediziner wenden, in der ärztlichen Sprechstunde fokussiert psychotherapeutisch im Sinne einer psychosomatischen Grundversorgung geführt werden könnten. Hierzu Zeitvalenzen und finanzielle Ressourcen zu schaffen tut dringend Not.
  2. wenn Selbsthilfegruppen wie Emotional anonymous (EA) gefördert würden die dem Verlust sozialer Kompetenz und der inneren Einsamkeit entgegenwirken.
  3. wenn niedrigschwellige Beratungsangebote entwickelt würden, die in Krisen erste Hilfe leisten können.
  4. wenn die Möglichkeiten psychotherapeutischer Kriseninterventionen mit bis zu 10 Sitzungen genutzt würden durch Bildung von Netzwerken zwischen medizinisch-körperlich und -psychotherapeutisch tätigen Behandlern.
  5. wenn zeitnahe klinische Hilfe ermöglicht würde, um einer weiteren Verschlimmerung und  einer Chronifizierung frühzeitig suffizient begegnen zu können.

Dr. Wolfgang Hagemann

 

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