Aktuelles, Blog
Schreibe einen Kommentar

„Vom Kreislauf der Geschichte“ oder „Typisch Mensch“

Als Anita Engert mich bat, zu den Bildern von Jose Maria Guerrero Medina zum Thema „Exilio“ einen Vortrag in ihrer Galerie zu halten, habe ich gerne angenommen. Jose und ich sind ebenfalls, wie auch Anita und er befreundet. Seit vielen Jahren begegnen wir uns, mal in seinem Atelier, mal während einer Ausstellung in Anitas Galerie und meiner Klinik. Als Psychotherapeut habe ich ein Thema gewählt, dass Ihnen weniger bekannt sein dürfte, dass ich jedoch mit der gleichen Begeisterung bearbeite mit der Jose auch seine Bilder malt. Die Frage, auf die ich eine Antwort geben möchte lautet:

Wie kann ein Künstler, der nicht Zeitzeuge gewesen ist, Bilder von einer so großen emotionalen Ausdruckskraft schaffen, dass der Betrachter den Eindruck gewinnt, er müsste jedem Menschen ins Gesicht geschaut haben, den er gemalt hat?

Der Vortrag gliedert sich in vier Teile:

  1. Kurzer Bericht zu einer Begegnung mit Guerrero Medina
  2. Neurobiologie und Genetik
  3. Kunst wider gegen das Vergessen
  4. Typisch Mensch
  5. Vom Kreislauf der Geschichte
  6. Mahnmale, geschaffen von José María Guerrero Medina

Zu 1: Kurzer Bericht zu einer Begegnung mit Guerrero Medina

Anlässlich eines Besuches von Anita Engert, Anette Hagemann und mir bei José María Guerrero Medina in Sant Thoma in der Nähe von Girona fuhr er mit uns nach Portbou. Manuel Vázquez Montalbán, ein spanischer Schriftsteller und Journalist, gestorben 2003, schreibt über seinen Freund José María, er sei „eine der wichtigsten spanischen Maler. Man muss Guerrero Medina als einen einzigartigen Einzelgänger mit voller Hingabe der Malerei gewidmet betrachten.“ Für mich sieht er mit dem dritten Auge und malt er mit dem Herzen.[1]

José María ist mit uns nach Portbou gefahren, um uns ein Kunstwerk gegen das Vergessen zu zeigen, die „Passage“ des Künstlers Dani Karavan mit einem Zitat von Walter Benjamin, einem deutschen Philosophen, der sich aus Angst vor der Gestapo 1940 suizidiert hatte. Auf dem ersten Bild blicken meine Frau Anette und der Sohn von José, Pao, auf die gegenüberliegende Seite. Dort zog der Flüchtlingstrack 1938/39 in Richtung Südfrankreich. So mancher Flüchtling war die steilen Klippen herunter gestürzt oder hatte entkräftet den Aufstieg nicht geschafft.

Auf dem nächsten Bild geht José mit Anita Engert die Stufen hinunter und weilt auf Höhe des Mittelmeeres vor einer Glasscheibe. Auf dieser wird Walter Benjamin zitiert: „Schwieriger ist es, dass Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“

Es zeichnet das Werk von Jose aus, dass er sich intensivst mit den Themen auseinandersetzt, Stoff für seine inneren Bilder sammelt, die er dann auf die Leinwand malt.

Zu 2: Ergebnisse zur Hirnforschung und Genetik

Wir haben heute aufgrund moderner wissenschaftsbasierter Erkenntnisse die Lücke schließen können zwischen Psyche und Soma. Schon Ende des 19. Jahrhundert stand die Forderung im Raum, dass es sich hierbei um eine Einheit handeln muss, welche gleichzeitig agiert und reagiert. Die Trennung von Soma und Psyche, welche auf Descarte zurückgeht, lässt sich heute sicher lokalisieren: Die Denkzentrale, das Großhirn, ist der Teil des Körpers, der bei uns Menschen im Vergleich zur Tierwelt besonders groß ausgestaltet ist und ein sehr hohes Funktionsniveau erreichen kann, die Emotionszentrale, die am ehesten mit dem Begriff Seele in Beziehung gesetzt werden kann, liegt im Mittelhirn mit verschiedenen Kernen wie Amydala, Thalamus, Hippocampus etc. Beide Gehirnteile stehen über Nervenbahnen intensiv in Verbindung. Dabei ist die Wirkung des Mittelhirns auf das Großhirn stärker als umgekehrt.

Joachim Bauer beschreibt Erkenntnisse aus der Genetik, welche ebenfalls bahnbrechend sind. Er sagt: „Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert….“ Als ich das Buch „Zufall und Notwendigkeit“ von Jacque Monod, einem französischen Molekularbiologen und Nobelpreisträger Mitte der 70iger Jahre, las, habe ich ihn damals so verstanden, dass die DNA des Menschen mit der Zeugung von Vater und Mutter auf das Kind übertragen wird, es der Zufall bestimmt, woraus sich derart festgeschriebene Notwendigkeiten ergeben, wie sich der Mensch im Wesentlichen entwickelt. „Ereignisse, Erlebnisse und Lebensstile (steuern) die Aktivität von Genen und (verändern) Strukturen“ schreibt Joachim Bauer in seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“. Damit ist die Aussage von Monod so nicht weiter haltbar, dass es sich um notwendige, genetisch determinierte Entwicklungen handelt, die Doppelhelix der DNA Helix quasi als Papyrusrolle angesehen werden muss. Vielmehr müssen wir von genetischen Dispositionen sprechen, welche durch Ereignisse, Erlebnisse und Lebensstile aktiviert werden müssen, sollen sie zur Ausprägung kommen.

„Geistige Tätigkeit, aber auch Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen haben im Gehirn biologische Veränderungen zur Folge“ schreibt er auf Seite 7. Neben der Plastizität des genetischen Materials handelt es sich auch beim Gehirn nicht um eine starre Struktur. Permanent überhöhter Stress führt z.B. nachweislich zu einer Volumenminderung des Hippocampus, die bei längerfristiger Absenkung des Stresslevels wieder rückbildungsfähig ist. Daher ist es unbillig, zum Beispiel von einer Röntgenschichtaufnahme des Gehirns Rückschlüsse zu ziehen auf mehr als dem Status Quo. Was durch geeignete therapeutische Maßnahmen erreichbar ist, und auch erreicht wird, kann ausschließlich durch Verlaufsuntersuchungen röntgenologisch dokumentiert werden. Sowohl die Rückbildung als auch Veränderungen auf genetischer Basis konnten als Ergebnis von Psychotherapie nachgewiesen werden!

Genetische und neurobiologische Veränderungen lassen sich am deutlichsten nach Traumata untersuchen. Als „Trauma wird das Erlebnis einer extremen, durch Bedrohung, Gewalt oder Lebensgefahr charakterisierten Gefahrensituation bezeichnet, bei der keinerlei Möglichkeit bestand, zu entrinnen oder irgendetwas zu tun, um die Situation zu beeinflussen“ schreibt Joachim Bauer auf Seite 175. „Diese Menschen erleben eine Situation des bewusst erlebten, vollständigen Kontrollverlustes im Angesicht einer äußeren Gefahrensituation, schreibt er fünf Seiten vorher. Und weiter präzisiert er: „Traumaerlebnisse führen zu einer extremen Aktivierung der Alarmsysteme des Gehirns (Amyctala, Thalamus, Hirnstamm). Das seelische Traumaerlebnis verändert in den genannten Gehirnzentren die Aktivität von Genen und erzeugt Veränderungen in neurobiologischen Systemen.“ (Joachim Bauer, S. 176). Während bei äußeren Einwirkungen wie Schädel-Hirn-Verletzungen es nie in Frage stand, dass diese somatischen Verletzungen massive Auswirkungen haben, die sich in der Verletzung begründen, können wir dies heute auch für seelische Traumata nachweisen. Das Ich versagt als Traumafolge total als „Wächter des vitalen Gleichgewichts“ (Luciano Ciompi) zwischen dem Großhirn, der Denkzentrale, und dem Mittelhirn, der Emotionszentrale.

Dass wir es letztlich mit schon einem lange vorhandenen Wissen zu tun haben, wird an einem Zitat von William James von 1890 deutlich: „Ein Erlebniseindruck kann emotional so aufregend sein, dass er beinahe so etwas wie eine Narbe in der Gehirnsubstanz hinterlässt.“ Auch für den Nervenarzt Siegmund Freud stand es nie außer Zweifel, dass es einen unauflöslichen Zusammenhang gibt zwischen Körper, Geist und Seele, zu seiner Zeit dieser nur noch nicht bewiesen werden konnte.

Ein Trauma bewirkt, so scheint es, einen „Riss“ in der hochkomplexen Informationsstruktur individueller Neuronennetzwerke. Diese bilden sich aufgrund einer Vielzahl von Erfahrungen und Erlebnissen heraus. Wie weitgehend dieser „Riss“ geht, wie sehr die Autoregulation, die Selbststeuerung, das Ich in seiner Funktion als „Wächter des vitalen Gleichgewichts“ zwischen Großhirn und Mittelhirn gestört sind, wird anhand von Flashbacks deutlich. Diese können provoziert werden durch jede Wahrnehmung: Hören, Sehen, Riechen, Fühlen und Schmecken. Sie können den Betroffenen an den erlittenen Ich-Verlust mit all seinem Schrecken und dem Verlust innerer Sicherheit erinnern und so ein inneres Chaos mit einer vergleichbaren Intensität wie zum Zeitpunkt des Geschehens auslösen. Die Emotionszentrale schlägt Alarm, und es gibt nur noch drei Reaktionsmöglichkeiten, die drei F´s: flight, fight, freeze (Flucht, Angriff oder Erstarrung). Der Mensch gerät in Panik, wodurch sein Handeln nicht mehr rational gesteuert werden kann, er verliert die Impulskontrolle und geht verbal oder auch physisch in Angriff oder er erstarrt, verstummt, ist reglos, bis Erschöpfung eintritt und die Energie für weitere emotionale Erregung aufgebraucht ist.

„Jeder Mensch ist sein eigener Künstler. Das Gehirn ist kreativ – erzeugt innere Repräsentationen der Dinge, dir wir, als Künstler über Rezipienten, in der Welt um uns herum erblicken. Zudem behaupten sie, wir seien alle geborene „Psychologen“, weil unser Gehirn auch innere Repräsentationen von dem erzeugen, was in den Köpfen anderer Personen vor sich gehe – von ihren Wahrnehmungen, Motiven, Trieben und Gefühlen“ zitiert Eric Kandel, Ernst Kreis und Ernst Gombrich.[2]

Kunst wider das Vergessen

Menschen verlieren durch das Trauma ihre inneren Ankerpunkte, an denen sie sich orientieren können, verlieren ihre Kontur, ihren Halt. Die Erfahrungen, dass die Fähigkeiten ihres Ichs Herausforderungen aus der Umwelt mit den intrinsischen Möglichkeiten auszubalancieren absolut nicht ausreichte, um sich autonom zu schützen, hinterlässt tiefe Verletzungen und Verunsicherung. Anerkennung, welche sich in Monumenten, Memorials, Kunstwerken ausdrücken lässt, ist für die Salutogenese, das Wieder-heil-werden, von eminenter Bedeutung. Noch nach 72 Jahren gedenken wir am z. B. Totensonntag der Gefallenen des zweiten Weltkrieges. Bis heute werden die Kriegsgräber der Gefallenen gepflegt und geehrt. Für die Hinterbliebenen werden so Ankerpunkte geschaffen, dass der Tod, das Entsetzen und die Trauer über den Tod des Sohnes, Bruders, Vaters, so schmerzlich er auch war, als „sinnvoll“ akzeptiert wird, die Verstorbenen als „Helden“ für einen höheren Zweck ihr Leben verloren haben.

Emotional bewegende Kunst setzt einen Kontrapunkt, einen „Rettungsanker“ zum Erhalt des Gedenkens, der Orientierung und der Balance des vitalen Gleichgewichts.

Zu 3: Typisch Mensch

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier ist die Schaffung von Memorials, von Monumenten der Erinnerung. Kunst lässt uns innehalten, sie erinnert uns und mahnt zugleich. Sie provoziert Momente, in denen wir einen Nu, einen Augenblick uns mit der Aussage des Kunstwerkes auseinandersetzen. Die Anerkennung und Ehrung des Opfers hilft ihm und seinen Angehörigen bei der Traumaverarbeitung. Mit das Schlimmste, was wir Kriegsflüchtlingen antun können, ist die Aberkennung, Opfer zu sein von Umständen, die es nicht beeinflussen konnte und er zu seinem Schutz seines Lebens nur die Möglichkeit zur Flucht hatte. Gelingt es Menschen zu erkennen, dass sie nicht mehr äußeren Umständen ausgeliefert, nicht mehr auf der Flucht sind, dass sie sich geschützt und akzeptiert erleben können, ihnen keine Motive unterstellt werden, die ihre Berechtigung zur Flucht in Frage stellen, kann es ihnen gelingen, sich an die Umstände, die zur Flucht geführt haben,  zu erinnern, ohne in ein inneres Chaos zu stürzen. Letzteres wird provoziert durch eine übergroße affektive Erregung, welche durch Erinnerungsbilder, sogenannten Flachbacks, ausgelöst wird und das Denken erheblich bestimmt bzw. ausschaltet. „Emotionen sind Energie“, sagt Luciano Ciompi, ein 85-jähriger Psychiater aus der Schweiz, der die Affektlogik begründet hat. Gelingt es einem Menschen, diesem Affektstrom gegenzuregulieren, vermag er besser und rational gesteuerter sein Leben zu orientieren und aktiv zu gestalten.

Zu 4.: Vom Kreislauf der Geschichte

In Katalonien litten die Menschen im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) besonders. „Barcelona war die erste Millionenstadt in Europa, die größere Luftangriffe erdulden musste“, wie Dr. Dieter Wienberg in einem Artikel über Katalonien im spanischen Bürgerkrieg im Internet schreibt. „Insgesamt erfolgten 385 Bombardierungen, davon 180 auf das engere Stadtgebiet…. über 3.000 Menschen verloren ihr Leben, und 7.000 erlitten Verletzungen.“ Hieran erinnert eine kleine Plakette im Herzen des Ravals an der Placa Joan Amadis, welche 65 Jahre später angebracht wurde.

Ende Dezember 1938 begann der „Leidensweg der Katalanen“, wie Wienberg auf Seite 8 weiter ausführt. „Insgesamt überquerten während des ganzen Bürgerkrieges nach französischen Statistiken etwa 440.000 Spanien die Pyrenäengrenze. Frankreich war für die Aufnahme von 440.000 Flüchtlingen nicht vorbereitet. ….die Internierten vegetierten zunächst im Freien und gruben sich wie Tiere in Erdlöcher ein, um Schutz vor Regen und winterlicher Kälte zu finden. Die Verpflegung, ärztliche Betreuung und die sanitären Verhältnisse ließen anfangs sehr zu wünschen übrig.“

Durch die Entscheidung des katalanischen Parlamentes im September 2017, sich von Spanien zu separieren, wurde erkennbar, dass alte Wunden bis heute nicht verheilt sind. Es ist nicht ausreichend gelungen, aufeinander zuzugehen, gemeinsame Rituale des Vergebens zu installieren und sich in einer Weise erinnern zu können, dass zumindest nicht in dem Sinne daraus gelernt werden konnte, Bedingungen zu schaffen, dass nie mehr so viel Leid von Menschen ertragen werden muss. Ich selber bin 1952 geboren und es blieb mit somit erspart, Kriegserfahrungen persönlich gemacht zu haben. Ich erinnere mich jedoch sehr gut daran, wie ich durch die Probealarme der Sirenen in eine innere Unruhe als Kind verfiel, die ich heute erst verstehe. Meine Mutter war während der Bombardierung von Mönchengladbach oft mit Essen, das sie ihrem Vater zur Arbeit bringen musste, unterwegs und hatte mit Sicherheit als 12-jährige Todesängste ausgestanden, wenn sie die Sirenen hörte. Bilder von Aufmärschen im Dritten Reich sowie Großveranstaltungen der Nazis wie im Olympiastadion beängstigen mich, weil ich größte Sorge habe, dass die Gewalt der Masse eine emotionale Wucht entfaltet, die rationales Denken nahezu ausschaltet. Wenn die Politiker heute in Barcelona auf Großdemonstrationen für die Abtrennung Kataloniens von Spanien die Massen aufpeitschen, erlebe ich es vor meinem subjektiven Hintergrund als sehr bedrohlich, weil die Masse unberechenbar ist und die Politiker sich überschätzen, wenn sie glauben, diese im Griff haben und in ihrem Sinne sicher lenken zu können.

Mahnmale, geschaffen von José María Guerrero Medina:

Die Tuschezeichnungen am Rand der PowerPoint Präsentation dokumentieren für mich in eindrucksvoller Weise, wie sehr es José María gelungen ist, das Erfassen der Gesichter völlig erschöpfter Menschen, ihre Angst, ihre Panik, ihre Hoffnungslosigkeit, sowie ihre gebrochene bzw. erstarrte Körperhalten zeichnerisch  der Verlust der Individualität in der Masse festzuhalten. Einzelne Bilder, die wir vor vielen Jahren in der Röher Parkklinik ausgestellt hatten, mussten wir kurzfristig wieder abhängen. Einige unserer Patienten und auch Mitarbeiter waren zu aufgewühlt von den tiefen emotionalen Ausdrücken.

Wenn sich Menschen berufsbedingt oder aus persönlichem Engagement verstärkt mit traumatisierten Menschen befassen, geraten sie in Gefahr, sekundär traumatisiert zu werden. Sich permanent mit dem Leid von Menschen konfrontiert zu sehen, Grenzerfahrungen dergestalt zu machen, dass man Hilfsbedarf und Notwendigkeit wahrnimmt, diesen jedoch nicht gerecht werden kann ob der Umstände, die Erfahrung zu machen, in höchster Not nicht schnell genug handeln zu können, ggf. zu spät gekommen zu sein, wenn ein Mensch in Not geraten war, hinterlässt auch tiefe Spuren im Helfer. Wenn José Maria sich mit dem Thema intensivst befasst hat, wie seine Bilder erkennbar machen, dürfen wir vermuten, dass diese Auseinandersetzung in ihm tiefe Spuren hinterlassen hat. Die Auftragsarbeit mit den Tuschezeichnungen hat er 2008 erledigt. Es kann gut sein, dass das Jahr 2018 für ihn erneut einen Auftrag bedeuten kann, diesem Ereignis mit seiner Kunst wieder ein Monument zu setzen. Mit anderen Worten, er nicht über Gebühr sekundär traumatisiert wurde. Die neuen großen Ölgemälde von menschlichen Gesichtern, die offensichtlich unter dem Eindruck hoch traumatischen Erlebens stehen, zeugen von seiner tiefen empathischen Fähigkeit, emotionales Erleben von Menschen in extremen traumatischen Situationen nachzuempfinden und den mimischen Ausdruck hierfür, das erstarrte Gesicht, zu erlassen und mit seiner handwerklichen Kunst auszudrücken.

Die Möglichkeit, ihn in seinem Atelier wiederholt besucht zu haben, eröffnete mir den Zugang zu Skulpturen, die er angefertigt hat und erkennen lassen, dass er auch mit diesem Handwerk  sehr vertraut ist. Ob er die abgebildeten Skulpturen in dieser Absicht geformt hat, oder sie intuitiv in seiner Hand, in Hammer und Meißel geflossen sind, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In einem anderen Zusammenhang hatte er mir mal erklärt, dass er nur aus inneren Bildern heraus, die als Ergebnis seiner permanenten Auseinandersetzung mit Themen und seinem künstlerischen Gestalten erwachsen, in die Konkretisierung geht und zeichnet, malt oder Skulpturen schafft. Wenn ich diese kleine Plakette sehe, die 2003 in

Erinnerung an die Bombardierung Barcelonas aufgehängt wurde, möchte ich doch eher empfehlen, eine der Skulpturen, ich bevorzuge hierbei die letzte abgebildete, als geeignetes Mahnmal im öffentlichen Raum aufzustellen.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit

Dr. W. Hagemann

 

[1] Aus der Gehirnforschung wissen wir, wie uns Eric Kandel in seinem Buch: „Das Jahrhundert der Erkenntnis“ eindrucksvoll und ausführlich beschreibt, dass das, was wir sehen, mehr ist als eine Spiegelung auf der Netzhaut. Wenn wir die Augen öffnen, bildet sich das, was das Auge erfasst, auf der Retina ab und wird über Nervenbahnen zum Großhirn weitergeleitet. Auf diesem Weg durchläuft es mindestens 17 verschiedene Stationen, wird zerlegt in Farbe, Strich, Kontur etc. und im Großhirn wieder zusammengefasst. Für unser Verständnis von zentraler Bedeutung ist dabei, dass alles, was wir sehen, auch die Emotionszentrale, unser Mittelhirn, passieren muss. Somit erhält alles, was wir sehen, eine affektive Färbung. Das, was wir in unserer Denkzentrale, dem Großhirn, erkennen, ist somit eine individuelle Komposition dessen, was zunächst als Spiegel gleich auf Retina abgebildet zum Großhirn geleitet wird. „Alle Erkenntnis ist sprachlich“, schreibt Hans-Georg Gadamer. Erkenntnis ist somit an das Großhirn gebunden, jedoch immer eine Summe von dem, was wir Wirklichkeit nennen, und dem, was aus dieser mit den Augen gesehen über den Weg der mindestens 17 Stationen im Mittelhirn zusammengesetzt wird. Wenn ich schreibe, dass José María mit dem dritten Auge sieht, möchte ich damit ausdrücken, dass er durch intensivste Auseinandersetzung mit der Außenwelt und seiner Innenwelt kompositorische Gesamtwerke schafft, die ganz deutlich seine individuelle Sicht vor dem Hintergrund seiner hervorragend ausgebildeten malerischen und gestalterischen Fertigkeiten deutlich macht. Er gewährt uns mit anderen Worten eine Innensicht von seiner Wirklichkeitsverarbeitung.

 

[2] Ernst Gombrich ist ein österreichischer Kunsthistoriker, der am Warburg Institute in London wirkte. Er gilt als einer der weltweit angesehensten Kunsthistoriker und er starb 2001.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.