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Wenn Mütter oder Väter trauern, vergessen sie manchmal die Trauer ihrer Kinder

Stirbt ein Mensch, so wird das familiäre System erschüttert, in seiner Struktur verändert. Wie jeder in seinen Bedürfnissen künftig wahrgenommen, respektiert und zufriedengestellt werden kann, muss neu entwickelt werden. Es kann sehr lange dauern, bis dieser Prozess zu einem befriedigenden Ergebnis kommt. Manchmal ist externe, therapeutische Hilfe unverzichtbar, wie die folgende Geschichte erkennbar macht.

 

„Bei einem Autounfall kommt der 35-jährige Vater dreier Kinder im Alter von 12 J., 9 J. und 3 Jahren zu Tode. Die Zukunft der Familie ist längst nicht abgesichert, doch lassen sich die nächsten Jahre unter Mithilfe der Eltern der Mutter überbrücken. Diese versorgen die Kinder, bis die Mutter von der Arbeit als Lehrerin in der Schule zurückkehrt. Sobald sie zu Hause ankommt, kümmert sie sich um den Haushalt, die Wäsche, das Kochen, betreut die Kinder bei den Hausaufgaben, durchlebt Schmerz und Leid, doch genauso auch Freude und Überschwang. Abends liegt sie manchmal im Bett und weint, vor Erschöpfung, vor Trauer, vor ungestillten Be-dürfnissen nach Nähe, Beziehung und Zärtlichkeit.

Die älteste Tochter unterstützt sie in der ersten Zeit, findet jedoch Anschluss an eine Gruppe unter Gleichaltrigen. Hier findet sie Ansprache, setzt sich mit den Veränderungen ihres Körpers, ihres Erlebens und Denkens auseinander, erlebt Zugehörigkeit und Akzeptanz, findet sich im Miteinander. Sie entwickelt sich nach einer Phase von Schock und Erstarrung, Trauer und Abschied gut weiter und macht später ein gutes Abitur.

Der 9-jährige Sohn fühlt sich gut aufgehoben in seiner Klasse. Er reagiert zunächst geschockt, schreit viel, will nicht zur Schule, verweigert sich , macht laut auf sich aufmerksam. Seine Mutter geht einfühlsam auf ihn ein, beruhigt ihn, tröstet ihn, bis er wieder Anschluss findet in seiner Klasse. Er lässt sich mitreißen von der Spannung, demnächst auf die höhere Schule zu können, zu den Großen zu zählen. Er experimentiert viel mit dem Handy und hält sich lange im Internet auf, doch bleibt es im Rahmen. Er entwickelt sich in der Pubertät im Zusammenleben mit den anderen seines Alters, stürzt zwischenzeitlich in der Schule ab, findet in einem Lehrer jedoch einen guten Mentor, der ihn sicher durch seine Krisen führt. Er gibt ihm innere Orientierung und Halt. Mit sechzehn verliebt er sich in eine Mitschülerin, die sehr ehrgeizig ist und ihn in der Schule mitzieht. Mit 18 Jahren macht er einen sehr guten Schulabschluss und geht zur Universität in eine andere Stadt.

Die dreijährige Tochter findet sehr schnell heraus, dass ihre Mutter emotional überfordert ist. Wenn sie anfänglich weint und nach ihrem Papa ruft, erlebt sie, wie auch ihre Mutter traurig wird und weint. Dabei fühlt es sich für die Tochter nicht so an, dass ihre Mutter mit ihr traurig ist, sondern es zieht sich eine Wand zwischen den beiden hoch. Jede hängt ihrer eigenen Traurigkeit nach. Manchmal schaut die Mama durch sie hindurch, wenn sie gerne mit ihr rumgealbert hätte, oder ihr auch nur von der Schule berichtet hätte.

Sie kommt nicht sicher an die Mutter ran, erreicht sie nicht, was der Tochter sehr weh tut. Sie machte sich für die Überforderung der Mutter verantwortlich, wirft sich vor, von der Mutter Aufmerksamkeit und Zuwendung zu wünschen. Es wird für das Mädchen einfacher, keine Bedürfnisse zu spüren. Stattdessen nässt sie nachts wieder ein. Bis sie fünf Jahre alt ist dauert dies. Niemand erkennt ihr „Weinen nach unten“. In ihrem Spiel mit Puppen, ihren Tagträumen lässt sie ihren Wunsch nach einer kompletten Familie mit Vater, Mutter und Kindern lebendig werden.
In der Schule verhält sie sich still und zurückgezogen, macht nicht auf sich aufmerksam, ist eine unauffällige fleißige Schülerin. Manchmal kommt es zu unerwartet heftigen Wutausbrüchen, während sie sieben Jahre ist. Doch bekommt sie hinterher immer ein schlechtes Gewissen und zieht sich viel in ihr Zimmer zurück. Sie macht es der Mutter leicht, stellt keine Ansprüche, äußert selten Wünsche. Die Mutter hat es scheinbar einfach mit ihr, gerade in einer Zeit, in der die anderen beiden Geschwister viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Als der Sohn auszieht, vollzieht sich in der Mutter eine Veränderung, die ihr enorm viel Kraft raubt. Statt sich zu freuen, dass ihr Sohn es geschafft hat, auf die Universität zu gehen, wird ihre Stimmung immer trüber, werden ihre Gedanken immer dunkler. Sie kreist plötzlich immer mehr um sich.

Zu arbeiten fällt ihr von Mal zu Mal schwerer.

Sie hat keine Augen mehr für ihre jüngere Tochter, die immer unauffälliger wird, fast ganz aus dem Alltag verschwindet. Der Schritt auf´s Gymnasium fällt ihr leicht, lernt doch der große Bruder dort, der sich auf das Abitur vorbereitet. Das Wissen, dass er da ist, reicht ihr.
Die 12-Jährige hält sich viel in ihrer Traumwelt auf, spielt alleine, manchmal wieder mit ihren Puppen und liest viel. Sie lernt selbständig, gibt äußerlich keinen Anlass zur Sorge. Schwierig wird es für sie erst im zweiten Halbjahr, der sechsten Klasse. Sie hat keinen Anschluss an die Klassengemeinschaft gefunden, fällt jedoch nicht auf, so dass sich auch niemand um sie Sorgen macht. Zumal ihre Leistungen sehr gut sind. Gerne würde sie das Vertrauen der Mutter gewinnen, sich um sie kümmern, als diese zunehmend traurig wird und damit immer unerreichbarer für sie. Als sie von ihr erfuhr, dass diese zu einer Therapeutin geht und dort Hilfe erfährt, wird das Mädchen sauer, ist gekränkt, fühlt sich zurückgestoßen, sieht in der Therapeutin eine Konkurrentin um die Zuwendung und das Vertrauen der Mutter. Wenn sie nämlich der Mutter selbst beistehen könnte, wäre sie ihr sehr nahe, eine Nähe, die sie vermisst. Sie könnte ihr schlechtes Gewissen, gegebenenfalls an der Traurigkeit der Mutter schuld zu sein, beruhigen. Dem Mädchen vergehen der Appetit, die Lebensfreude, die Möglichkeit, teilzuhaben am Leben der Gleichaltrigen.
Als ihr Körper sichtbar macht, dass sie sich nach der Mama verzehrt, dauerte es noch sehr lange, bis sie in einer eigenen Therapie erkennt, dass sie den Tod des Vaters nie hatte verwinden können. Sie ist sauer auf ihn, dass er sie alleine gelassen hat, sauer auf die Mutter, die sich nicht um die kleine unauffällige Tochter gekümmert hat, nicht bemerkte, wie sehr auch das kleine Mädchen still in sich hinein litt und trauerte.

Jahre dauert es bei der Tochter. Hilfreich wird für sie, dass die Mutter zunehmend achtsamer wird, ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die Bedürfnisse der Tochter lenkt. Diese erkennt und Verständnis aufbringt für das Leiden der Tochter. Und gleichzeitig bemüht sie sich, die Tochter nicht zu sehr einzuengen, zu erdrücken mit ihrer Fürsorge.

Die Mutter vermag sich auf eine neue Beziehung zu einem Mann einzulassen, woraufhin die Tochter noch einmal in eine Krise stürzt. Sie befürchtet, dass ihre Mutter keine Aufmerksamkeit mehr für sie haben könnte, sie um ihre Gunst mit dem Verehrer streiten müsste wie damals, als sie eifersüchtig auf die Therapeutin der Mutter war. Doch konnte sie in ihrer Therapie diese Reinszenierung früh bearbeiten und zu einer guten und altersgerechten Beziehung zur Mutter und ihrem neuen Partner finden. Die Tochter holt verzögert ihre Pubertät nach, lernt ihren Körper zu lieben, wieder Geschmack am Leben zu finden. Sie lernt einen Freund kennen, der sehr verständnisvoll und einfühlsam ist und bei dem sie Wärme und Anlehnung erfährt.“

Mehrere Veränderungen waren zu integrieren: der Tod des Vaters, die pubertären Entwicklungen aller drei Kinder, der Auszug der beiden älteren Geschwister und die neue Partnerschaft der Mutter. Das gelang mit Hilfe von Therapeuten, die mitbewirkten, dass Mutter und Tochter offener und achtsamer miteinander umgehen. Ihre jüngste Tochter konnte so zur jungen Frau und Partnerin für ihren Freund heranreifen.

Dr. Wolfgang Hagemann

 

 

 

„Bei diesem Text handelt es sich um eine frei erfundene Geschichte.
Die dargestellten Personen sind ebenso frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig.
Alle beschriebenen Handlungen sind zwar an die Realität angelehnt, beziehen sich aber nicht auf konkrete Begebenheiten. Auch hier sind alle Ähnlichkeiten rein zufällig.“

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